Um 17:10 Uhr wackelt die Wand. Backsteine knirschen in ihren Fugen, Wellen laufen von unten nach oben durch die alten Lagerhäuser. Plötzlich ist alles still. Kein Geräusch mehr. Wie in einem Vakuum. Und dann bricht die Hölle aus. Sirenen heulen, Polizei und Ambulanzen jagen durch die Straßen, Menschen rennen orientierungslos. Gasleitungen sind geborsten, Häuser brennen. Ganze Straßenzüge liegen flach, haben Bewohner und Haustiere unter sich begraben. »The big Quake has hit.« Erdbeben in San Francisco im

Oktober 1989. Richterskala 7,0. Und Tatjana Dönhoff mitten drin. Was für die einen Katastrophe, ist für die Journalistin Chance. Der Flughafen ist dicht, kein anderer deutscher Reporter in der Stadt. Exklusiv berichtet sie für den Stern und den Philadelphia Inquirer über die Zustände und die Opfer, die Schicksale und die Rettungsaktionen. Neugierig und wenig zimperlich war die Gräfin schon als Kind. In Tansania, Irland und Niedersachsen aufgewachsen, macht sie 1978 Abitur im Sacre Cœr in Bonn. Journalistin will sie werden, das steht schon lange fest. Zunächst absolviert sie eine Ausbildung zur Verlagskauffrau beim Kölner Stadt Anzeiger und Express in Köln. 1981 Studium in Hamburg: Politische Wissenschaft und Journalistik. Nebenbei jobbt Tatjana Dönhoff als feste Freie beim Stern. »So eine Chance hatten nicht viele. Und die Konkurrenz schlief nicht. Engagement und Einsatzbereitschaft rund um die Uhr, war die Geschäftsgrundlage.« Erste Geschichten: Abschuss Koreanischer Jumbo über Sachalin, Krawalle in Brokdorf, Matthias Rusts Landung auf dem Roten

Platz. Kreativität beweist die Gräfin bei der »Aktion Kinderkrebshilfe« und der Entwicklung der neuen TV-Supplements. 1986 Diplom und Festanstellung im Jungreporterteam des Stern. 1989 erhält Tatjana Dönhoff das Arthur F. Burns/IJP Stipendium und arbeitet ein halbes Jahr als Reporterin beim Philadelphia Inquirer in den USA. Und dann fällt die Mauer. Sofort zurück nach Deutschland zur »Einsatztruppe Ost« des Stern. Ein Jahr lang berichtet sie erst aus der Noch-DDR, dann aus den neuen Bundesländern.

Themen: Wendetagebuch, Investigative Stasi-Geschichten, Wirtschaftsaufschwung im Osten, Sozialreportagen. Dezember 1990: »London calling«. Medientycoon Robert Maxwell holt Tatjana Dönhoff als Senior Reporter zu seiner Wochenzeitung The European. 18 Sprachen werden im Newsroom

gesprochen. Nachrichten-Storys: Golfkrieg, Bomben in Belfast, Bruderkrieg in Bosnien, Hungersnot im Sudan, das neue Deutschland und Geheimdienstskandal in der Schweiz. »Was steckt dahinter? What makes them tick? – das ist es, was ich herausfinden und beschreiben will«, sagt sie. Nach dem Tod Maxwells und einem Konzeptwechsel verlässt Dönhoff den European und arbeitet in London für deutsche Magazine und englische Zeitungen. Spezialgebiet: Skurriles aus Großbritannien, Oldtimer-Rallyes und Abenteuer wie z.B. die Camel Trophy.

Oktober 1994 geht’s als Chefreporterin und Beraterin der Chefredaktion zurück nach Hamburg: Entwicklungsredaktion Gala. Nach der erfolgreichen Markteinführung im Januar 1995 produziert sie als Redaktionsleiterin drei Hefte des zweisprachigen Magazins Oskar’s von G+J. Eine kurze Stage beim Nachrichtenkanal n-tv, bevor sie im Oktober 1995 als Chefreporterin und Beraterin bei Max anfängt. Der Chefredakteur wünscht sich mehr journalistische Kompetenz im Blatt. 1998 verlässt Tatjana Dönhoff die Milchstraße und macht sich mit ihrem Pressebüro selbstständig. 1999 gründet sie das Unternehmen brain drain.